Juni 1925
Sonntag
07

Umnachtet auf dem Hochsitz - Tagebuch von Máire Flanagan

„Habt ihr das auch gehört? Da bewegt sich doch etwas unten am Baum!“ Eine Nacht auf dem Hochsitz in der Wildnis zu verbringen, klang aus dem Mund des Colonels nach einem netten kleinen Abenteuer. Heute Nacht werden wir eines Besseren belehrt und ich beginne einen kleinen Teil des Grauens zu verstehen, das aus den Augen meiner Reisegefährten spricht, wenn sie über ihre Erlebnisse der letzten Monate berichten. Nicht, dass sie mir viel erzählt hätten. Doch ich denke, ich würde es an ihrer Stelle wohl genauso halten – denn die Geschehnisse dieser Nacht würde mir wohl noch nicht mal meine Tante recht glauben wollen. Vielleicht hilft es mir, meinen Geist etwas zu beruhigen, indem ich meine Eindrücke in einem Tagebuch niederschreibe.

Auch, wenn wir als Vorsichtsmaßnahme einen umgedrehten Tisch über das Loch im Boden genagelt hatten, fühlten wir uns alle ganz und gar nicht wohl. Irgendetwas schlich unter dem Hochstand herum und schnatterte unablässig in einer unverständlichen Sprache vor sich hin. Menschlich klangen diese Geräusche jedenfalls nicht und mir stellten sich buchstäblich die Nackenhaare auf. Die Geschichten über die zerfleischten Leichen, die in dieser Gegend bereits vermehrt gefunden worden sind, taten ihr Übriges, um mich nicht mal an Schlaf denken zu lassen. Aus leeren Konservendosen und Schnur haben wir eine improvisierte Alarmanlage gebastelt, die uns warnen sollte, falls etwas – oder jemand? – versuchen sollte, sich über den angrenzenden Baum Zutritt zum Hochsitz zu verschaffen. Zumindest Rosie, Matthew, Charles und Raphael schien das zu beruhigen, sodass sie sich gegen 23 Uhr in ihre Betten begaben. Wir anderen hielten in Teams Wache und patrouillierten durch den Außengang rund um die vermeintlich sicheren Innenräume. Aus den Büschen sahen wir manchmal im Licht unserer Lampen die Reflektionen katzenartiger Augen hervorleuchten. Die Gestalten schienen ansonsten zumindest äußerlich menschenähnlich und von kleiner, schmaler Statur, fast wie Kinder. Sie schienen auf irgendetwas zu warten und mit ihren unheimlichen Stimmen einen Plan auszuhecken, der sich uns nicht erschloss.

„Sollen die warten, dass wir müde werden – wir haben Kaffee!“ Sebastian versorgte uns alle mit einer dampfenden Tasse, die uns half, wachsam zu bleiben. Auf einem Baum in östlicher Richtung entdeckte Tom eine kleine Gestalt, die uns zu beobachten schien. Kurz darauf ertönten scharrende Geräusche unterhalb unseres Refugiums. Um uns aus sicherer Entfernung  ein Bild zu machen, lösten wir eine Latte aus dem Boden (niemand bis auf „Bold Bear“ war erpicht darauf, nach unten zu klettern und nachzusehen) und blickten nach unten. Ein grauenvoller Anblick bot sich uns: Ein Dutzend kleiner grauer Gestalten buddelte an den Stutzpfählen des Hochsitzes und hatte bereits ein gutes Stück freigelegt. Die Kreaturen waren furchtbar abstoßend, geradezu hässlich und ekelhaft anzusehen. Nichts hatte mich auf ihren Anblick vorbereitet und ich riss mich zusammen, den Würgereiz zu unterdrücken, der in meiner Kehle emporstieg. In einer Runde gestandener Männer wollte ich nicht den Eindruck einer emotional schwachen jungen Dame erwecken. Beherzt griff Tom zu seiner Waffe (eine Art merkwürdig modern anmutendes Gewehr) und erschoss eines der Wesen. Sofort ergriffen seine Artgenossen die Flucht und ließen den Kadaver zurück.

Natürlich wurden unsere schlafenden Gefährten durch den Schuss geweckt und stießen in Alarmbereitschaft zu uns in den Wohnbereich. Es war etwa halb eins in der Frühe. Mich hätten keine zehn Pferde nach unten in die Dunkelheit unter dem Hochsitz getrieben, aber Tom und Raphael beschlossen, die tote Kreatur zwecks Untersuchung zu bergen. Mithilfe eines Seils, das Rosie und Sebastian mit vereinten Kräften nach oben zogen, gelang es Ihnen tatsächlich. Doch die Ruhe nach dem Schuss war trügerisch gewesen und die widerlichen Viecher kehrten zurück. „Kommen Sie hier noch, verdammt!“, brüllte Matthew. Beinahe hätten die Dinger Tom und Raphael mit ihren klauenartigen Händen erwischt, doch sie schafften es wie durch ein Wunder unversehrt nach oben. Allerdings ging dabei die ohnehin wacklige Leiter teilweise zu Bruch – der einzige Weg aus dem zehn Meter hohen Haus nach unten (wenn man mal von der Möglichkeit absieht, an einem Strick nach unten zu klettern). Charles erwischte eines der Wesen mit einer tödlichen Kugel, bevor sie wieder die Flucht ergriffen.

Nachdem wir den Tisch wieder über der Luke platziert und erneut Wachen eingeteilt hatten, widmete sich unser Arzt Sebastian der Obduktion des fremdartigen Wesens. Im Licht der flackernden Öllampen stellte sich heraus, dass es Größe sowie Anatomie eines sechs- bis achtjährigen Kindes besaß, dessen Unterkiefer merkwürdig verkleinert und entstellt wirkte. Tatsächlich schien es sich um eine Art Jungtier zu handeln, meinte Sebastian fachmännisch. Mit seiner nüchternen Art berichtete er uns, dass die inneren Organe auf eine fleischliche Ernährung schließen ließen (wirklich, sehr beruhigend, vielen Dank). Die Augen des Wesens waren auf die Dunkelheit spezialisiert und die klauenartigen Hände wirkten übergroß an dem kleinen Körper – perfekt also, um die Pfeiler des Hochstandes auszugraben und diesen zum Einsturz zu bringen. Als Sebastian mit seiner Arbeit fertig war, schoss ich einige Fotos von der toten Kreatur, die begann, eine grauenvolle Faszination bei mir auszulösen. Wir scheinen es mit etwas zu tun zu haben, das nie zuvor ein Mensch dokumentiert hat und eine erschreckende Intelligenz besitzt, die uns bald in die nächste brenzlige Situation bringen sollte.

Es war inzwischen ein Uhr morgens. Einer inneren Eingebung folgend, ging ich zu dem nahestehenden Baum, dessen Äste bis auf den Außengang reichten – und erblickte schemenhafte Bewegungen nur wenige Meter von mir entfernt. Ich bin keine gute Schützin und war Gott sei Dank geistesgegenwärtig genug, laut um Hilfe von einem bewaffneten Gefährten zu rufen. Charles war sofort zur Stelle und feuerte einen Schuss auf die beiden Gestalten ab, die bereits in unglaublicher Geschwindigkeit auf uns zu preschten. Obwohl er eine mitten in ihren widerlichen Körper traf, waren sie nicht aufzuhalten, als sie sich auf meinen Retter stürzten. Die Schrecksekunde, die es dauerte, bis auch ich mit zitternden Händen meine Damenpistole in Position gebracht hatte, reichte für eine der Kreaturen aus, um Charles eine Bisswunde am Arm zuzufügen. Schmerzerfüllt schrie er auf – und ich schoss. Blut spritzte auf, und auf einmal war alles still. Ich hatte es getan, die Kreatur war tot. Ziemlich zeitgleich muss auch Tom geschossen haben, denn auch die zweite lag regungslos am Boden.

Ich war heilfroh, als sich herausstellte, dass Charles nur leicht verletzt war. Allesamt waren wir ganz schön durch den Wind, während wir neue Wachen einteilten und sich die nächsten zögerlich in ihre Betten begaben. Da ich mich nach wie vor hellwach fühlte, genehmigte ich mir mit ein paar der anderen ein karges Nachtmahl. Aus den leeren Dosen baute ich mit Rosie eine neue Falle für den unheilvollen Baum.

Gegen drei Uhr morgens, als sich langsam auch bei mir die Müdigkeit regte, beobachteten wir, wie die kleinen Gestalten ihren Toten wegschleppten. Dieses Verhalten ließ mich sofort an Rituale der Totenbestattung denken, doch die anderen meinten, dass die Viecher genauso gut kannibalisch veranlagt sein könnten – und neue grausame Bilder taten sich mir vor meinem inneren Auge auf. Ich lenkte mich ab, indem ich Matthew dabei beobachtete, wie er stinkendes Corned Beef auf die Freifläche vor dem Hochsitz warf, um die Kreaturen anzulocken und zu erschießen – doch seine Versuche zeigten bisher keinerlei Wirkung.

Noch drei Stunden bis zum Sonnenaufgang.

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