Juni 1925
Dienstag
09

Rote Spuren im Sand - Tagebuch von Máire Flanagan

„Was nun?“ Eigentlich gab es nur eine Antwort auf diese Frage – wir waren allesamt hundemüde von der vergangenen Nacht und wollten unsere vernebelten Köpfe zur Ruhe betten. Obwohl wir beunruhigt von den Visionen waren, die der Medizinmann uns beschert hatte, beschlossen wir, die Nacht bei den Boyoyava zu verbringen. In der uns zugedachten Hütte führten ein paar Frauen eine Art Räucherritual durch, vermutlich, um Ungeziefer oder böse Geister zu vertreiben. Wir teilten die üblichen Nachtwachen ein, da wir nicht so recht überzeugt waren, dass der seltsame Geruch die furchterregenden Ghule fernhalten würde (abgesehen von allzu neugierigen Stammesangehörigen). Ich übernahm die erste Schicht, in der Hoffnung, danach ein paar Stunden durchschlafen zu können.

Während die Dämmerung hereinbrach, versammelten die Eingeborenen sich an einem großen Feuer, das auf der freien Fläche zwischen den Hütten prasselte. Bald schon begannen sie einen merkwürdig anmutenden Tanz zu kräftigen Trommelschlägen. Nach einiger Zeit fröhlichen Treibens zogen sie sich zurück und es wurde still im Dorf. Plötzlich vernahm ich ein lautes Knacken im Unterholz aus östlicher Richtung. Ich fuhr hoch, doch so sehr ich meine Augen auch anstrengte, konnte ich doch nichts in der Dunkelheit erkennen. Fröstelnd dachte ich an den Blutzauber, von dem einer der anderen zuvor gesprochen hatte, und fragte mich, ob die Ghule in der Dunkelheit auf uns lauerten, doch eine ganze Weile geschah nichts mehr. Als mir beinahe die Augen zufielen, kroch ich in die mit Ästen und Blättern bedeckte Lehmhütte, um Sebastian zu wecken, der die nächste Wache übernehmen wollte. In dem Moment, als ich den Arzt an der Schulter rüttelte, drang ein spitzer Schrei an unsere Ohren. Gemeinsam mit meinen Gefährten stürmte ich nach draußen. Überall kamen schlaftrunkene Boyoyava aus ihren Hütten. Sebastian war es, der die rote Schleifspur am Boden entdeckte, die aus dem Loch in der Rückwand einer Hütte in die Dunkelheit führte. Bei näherem Hinsehen stellte sich das rote, matschige Ding auf dem Boden als menschliche Innereien heraus. Es genügt wohl, zu sagen, dass ich nicht die einzige war, die gegen die Übelkeit ankämpfte. Unsere Befürchtungen bestätigten sich, als Tom Spuren von Kinderfüßen identifizierte – die fürchterlichen Ghule waren zum Angriff übergegangen.

Vor der Hütte wurde es zunehmend lauter. Die Dörfler hatten sich im Kreis um eine vollkommen aufgelöst wirkende Frau geschart und schnatterten auf sie ein. Ich rief nach unserem Dolmetscher Hanif, aber er war nirgendwo zu sehen. In einem verzweifelten Versuch, einen besseren Überblick zu erlangen, schlug Tom vor, eine der Bänke vom Feuer als Ausguck an den Rand des Dorfes zu tragen. Ich habe einmal gelesen, dass Menschen in bedrohlichen Situationen ungewöhnliche Kräfte entwickeln können. So erkläre ich mir jedenfalls, dass es Tom und David erst mit meiner Hilfe gelang, den bearbeiteten Baumstamm hochzuwuchten. Aus der Dunkelheit zwischen den Bäumen blitzten uns wieder die gelben, katzenartigen Augen entgegen. Charles feuerte einen Schuss in ihre Richtung ab, doch wir konnten nicht sehen, ob er eine der Kreaturen erwischt hatte. Unterdessen bewaffneten sich die Stammeskrieger mit traditionell wirkenden Waffen. Das ganze Dorf war in Aufruhr, aus Angst vor dem unsichtbaren Feind scharten sie sich eng beieinander, nahmen Frauen und Kinder in ihre Mitte. Matthew beeilte sich, den Kriegern die Fußspuren zu zeigen und vier von ihnen folgten diesen sofort aus dem schützenden Feuerschein hinaus. Natürlich schlossen wir uns ihnen an – schließlich wussten wir, womit wir es zu tun hatten. Noch dazu fühlten wir uns schuldig, denn es schien, als hätten wir die aggressiven Ghule zu dem bisher friedlich lebenden Stamm gelockt. Die mutigen Krieger waren uns ein paar Meter voraus. Wir hatten es noch nicht weit geschafft, da schrie einer von ihnen schmerzerfüllt auf und stürzte zu Boden. Etwas Kleines verschwand in den Büschen und ließ den Mann mit einer Bisswunde zurück. Mit zitternden Händen leuchtete ich mit meiner Taschenlampe ins Unterholz und mehrere gelbe Augen starrten mir bösartig entgegen. Einer der Krieger stürzte sofort darauf zu, eine Art Keule mit einem Stein daran schwingend. Bevor wir ihn zurückhalten konnten, verschwand er im Gebüsch; kurz darauf ertönte ein gequälter Schrei. Geistesgegenwärtig brüllte Charles: „Zurück ins Dorf!“ – erst auf Englisch und dann auf Suaheli. Seine Kenntnisse der Sprache der Boyoyava schienen zu reichen, um sich verständlich zu machen. Den verletzten Krieger in unserer Mitte, beeilten wir uns, zurück ins Dorf zu kommen. Ich spürte, dass etwas uns verfolgte, doch wie durch ein Wunder gelangten wir unbescholten zurück in die hell erleuchtete Dorfmitte. Sebastian eilte sofort dem Verwundeten zur Hilfe.

„Etwas Schreckliches ist geschehen!“ Endlich stieß Hanif zu uns. Er wirkte nicht weniger von der Rolle als die anderen Eingeborenen. Aus ihm war kaum ein verständliches Wort Französisch herauszubringen, immer wieder stammelte er etwas von bösen Geistern. Sein Stamm habe wohl Frevel begangen, brachte er noch heraus. Wir ließen von ihm ab und beobachteten stattdessen die Umgebung. Immer wieder leuchteten uns die Augen der Ghule entgegen, doch sie mieden das Licht unserer Taschenlampen und schienen sich auch nicht in den Feuerschein hineinzuwagen. Das war uns ein kleiner Trost. Um die Kreaturen von der Dorfmitte fernzuhalten, schwärmten Tom, David, Matthew und Charles zwischen den Häusern aus, während ich bei den Boyoyava blieb und mich nicht so recht vom Fleck traute. Die Krieger verharrten im Feuerschein und taten nichts weiter, als mit ihren Speeren in der Luft zu fuchteln. Sie wirkten vollkommen handlungsunfähig. Aus den Schüssen und den triumphierenden Lauten, die Tom kurz darauf ausstieß, schloss ich, dass er zumindest einen der Ghule mit seinem Gewehr erwischt haben musste. Da erblickte ich Sebastian, der leicht schwankend zwischen den Hütten hervortrat. Die Viecher hatten ihn von hinten angefallen, doch glücklicherweise war er mit ein paar Schrammen auf der Schulter davongekommen. Auf einmal meinte ich, eine Bewegung in dem niedrigen Baum neben mir wahrzunehmen. Doch es waren wohl nur die Paranoia von der letzten Nacht, denn ich konnte nichts zwischen den Blättern entdecken.

„Passen Sie auf die Dächer auf, da lauern die Viecher auch!“, tönte Charles‘ Stimme von der anderen Seite des Feuers herüber. Sorgfältig kontrollierten wir die Dächer der Lehmhütten, doch keiner der Ghule war zu sehen. Da fielen Schüsse, die aus der Richtung unserer Gefährten kamen. Kurz darauf schleppte David den geschwächten Matthew zu den Bänken, die rund um das Feuer aufgestellt waren. Er war verletzt, allerdings nicht schwer. In den folgenden Stunden (oder waren es nur Minuten?) gelang es den Männern, einige der Kreaturen zu erledigen. Einige Boyoyava hatten sich um ihren Schamanen versammelt, der vor sich hin murmelnd verschiedene Kräuter und Pulver in das große Feuer streute. Wir waren kurz davor, ihnen einen der toten Ghule vor die Füße zu werfen, um ihnen begreiflich zu machen, dass nicht Geister, sondern Kreaturen aus Fleisch und Blut uns umzingelten. Doch Tom hielt uns gereizt zurück – wir sollten die Eingeborenen bei ihrem Ritual nicht stören. Inzwischen hatten wir eine ganze Weile keine gelben Auge mehr gesehen und begannen nun, uns zu fragen, welchen diabolischen Plan die kleinen Biester wohl gerade ausheckten. „Mr. Fellows, wollen Sie etwas mit mir spähen?“, fragte Matthew seinen Retter David. Offenbar hatte er sich wieder von dem Schock, dass eine der Kreaturen ihn an der Schulter angefallen hatte, erholt. „Ich denke, wenn ich das nicht tue, wird Ihnen gleich mehr fehlen als ein Stück Ihrer Schulter“, meinte David trocken. „Spielen Sie nicht den Helden, sagen Sie Bescheid, wenn Sie etwas sehen.“ Matthew schien sich seinen Humor erhalten zu haben, denn er erwiderte: „Sie haben Recht, ich bin zu alt für so etwas“. Gemeinsam stapften sie in die Dunkelheit davon.

Im Nachhinein scheint es mir unglaublich, doch die Ghule griffen in dieser Nacht kein weiteres Mal an. Das hatten wir wohl auch Charles‘ rettender Idee zu verdanken, das Feuerholz zu rationieren. Erneut fiel uns allen ein Stein vom Herzen, als gegen halb sieben die Sonne aufging. Aber mit der Sonne kam auch der Gestank. Die Kadaver der Ghule schienen das Licht nicht gut zu vertragen. Sie blähten sich auf und ihre Haut schmolz wie warme Butter. Zu allem Übel übergaben sich die Boyoyava bei diesem Anblick scharenweise, was dem Gestank nicht gerade Abhilfe verschaffte. Langsam kehrte allerdings wieder die Geschäftigkeit zurück und wir stutzten, als wir erkannten, dass sie ihr Hab und Gut zusammenklaubten. Hanif meinte zur Erklärung nur, sie müssten gehen, hier sei niemand mehr sicher. So packten auch wir unsere Sachen. Wir hatten entschieden, in das Safaricamp des Colonels zurückzukehren, um Zuflucht zu suchen. Laut Hanif sollten wir es innerhalb eines Tagesmarsches schaffen. Als wir aufbrachen, nickten uns einige der Dorfbewohner abwesend zu – zumindest schienen sie uns nicht die Schuld an dem Fiasko zu geben, in dem sie steckten.

An den Weg durch die Savanne erinnere ich mich kaum, übermüdet und verwirrt, wie wir alle waren. Glücklicherweise gelang es Tom, uns zielsicher anzuführen, sodass wir nachmittags am Camp ankamen. „Home sweet home wäre wohl übertrieben, aber ich bin schon froh, hier zu sein“, lachte Charles erschöpft. Problemlos gelangten wir auf das von einer Hecke umrundete Grundstück. Die Garage war leer – anscheinend war weder der stumme Joe noch Colonel Edicott vor Ort. In stillem Einvernehmen folgten wir zunächst unseren Grundbedürfnissen – baden, essen, schlafen. Kaum hatten wir es uns gemütlich gemacht, da hörten wir das Knattern eines Motors im Hof. Colonel Endicott und Joe kamen zurück. Unser Gastgeber hatte wieder einmal einen hochroten Kopf, als er die Haustür aufstieß und uns in seinen Räumlichkeiten vorfand. „Kann mir mal jemand erklären, was hier los ist?!“, fauchte er. Joe hingegen schien eher erleichtert, uns lebendig wiederzusehen und betastete ungläubig unsere Gesichter. Als wir erzählten, wer uns auf seinem Hochstand angegriffen hatte, wurde Endicott nur noch wütender. Eine Ader an seiner Stirn pulsierte heftig und ich machte mir schon Sorgen, er würde gleich buchstäblich explodieren. „Das sind doch nur Ammenmärchen, die die Wilden erzählen“, schnaubte er. Doch als Matthew ihm seine lädierte Schulter zeigte und ich ihn fragte, ob so etwas schon einmal vorgefallen sei, geriet der Colonel ins Stottern und begann wortlos, seine Waffen hervorzukramen.

Während ein Großteil unserer Gruppe sich in die Betten legte, um für eine weitere schlaflose Nacht gewappnet zu sein, kontrollierten Tom und ich die Hecke auf Schwachstellen, durch die die Ghule in das Camp gelangen könnten. Zunächst stopften wir das Loch, durch welches das Wildschwein bei unserer letzten Übernachtung eingedrungen war, mit einem Provisorium aus einer Tonne und Ästen. Ich muss zugeben, dass wir uns ganz schön ungeschickt anstellten – Handwerk ist wohl keine unserer Stärken. Dann stolperte Tom auch noch über eine Wurzel im Boden und erst dadurch fiel uns auf, dass die Äste eines großen Baumes über die Hecke hinüberragten. Wir berichteten dem Colonel von unseren schlechten Erfahrungen mit Ghulen und überhängenden Ästen. Daraufhin ließ Endicott Joe kurzerhand den Baum fällen, zog sich aber schnell wieder in sein Arbeitszimmer zurück. Vermutlich war es ihm zu chaotisch im Camp geworden, da die Boyoyava anscheinend die gleiche Idee wie wir gehabt und dort Zuflucht gesucht hatten.

Es ist jetzt 19 Uhr und die Dunkelheit bricht herein. Die Eingeborenen haben im Hof ein Feuer entzündet und harren der Dinge, die da kommen mögen – ebenso wie wir.

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