Juni 1925
Mittwoch
10

Ungeheuer und Unrat - Tagebuch von Máire Flanagan

„Die Ghule werden ja wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.“ Wie Recht Matthew doch hatte. Noch vor wenigen Wochen hätte ich mir niemals träumen lassen, eines Tages einen zurechnungsfähigen Erwachsenen in solch geschäftigem Tonfall von Kreaturen sprechen zu hören, die nach allgemeiner Auffassung der Fantasiewelt entspringen. Ebenso wenig erwartete ich am gestrigen Juniabend, dass ich schon allzu bald Bekanntschaft mit den scharfen Klauen der widerlichen Ghule machen würde.

Es war wohl gegen 19 Uhr, die Sonne tauchte Colonel Endicotts Safaricamp in blutrotes Licht. Inzwischen hatten wir uns wieder alle vor dem Haupthaus versammelt, um Vorkehrungen für die kommende Nacht zu treffen. Wir beobachteten, wie der angeblich stumme Joe angeregt auf Suaheli und einem uns unbekannten Dialekt mit den Boyoyava plauderte – allerdings nur, solange der Colonel nicht in Sichtweite war. Der war ohnehin aufgebracht genug und ich ertappte mich dabei, wie ich die Farbe seines Gesichts mit dem Rotton der untergehenden Sonne verglich (eine beunruhigende Ähnlichkeit übrigens).

Meine Reisegefährten und ich waren überzeugt, dass die Ghule uns auch in dieser Nacht heimsuchen würden. Nach wie vor tappten im Dunkeln, was die Frage nach ihrer Motivation anbelangte und diese Tatsache beruhigte uns nicht gerade. Die Boyoyava wähnten wir vorerst sicher, da sie sich wieder um ein munter prasselndes Feuer versammelt hatten. Doch da die Ghule sich als unvermutet intelligent entpuppt hatten, leuchteten wir das Gelände zusätzlich mit elektrischem Licht und Öllampen aus. Irgendjemand wollte sogar die Latrine mit einer Lampe versorgen, allerdings erschien uns dies reichlich übertrieben. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit fiel Charles auf, dass wir beinahe vergessen hätten, das große Tor zu verschließen – das wäre ein ganz schönes Dilemma gewesen. Der Brite war es auch, der sich bereit erklärte, eine waghalsige Kletteraktion auf den Wasserturm des Camps zu unternehmen, um von dort Ausschau zu halten. Als er sicher oben angekommen war, begannen wir anderen, rund um die hoch aufragende Hecke innerhalb des Camps zu patrouillieren.

Gerade bewunderte ich fasziniert den beeindruckenden Sternenhimmel der afrikanischen Savanne, da schlug Charles auch schon Alarm. „Sie kommen!“ Er hatte ein Heer von Gestalten entdeckt, die sich aus Südosten dem Camp näherten. Schon bald tauchten die ersten hässlichen Fratzen über dem Tor auf. Charles gelang es, eine der Kreaturen zielsicher mit einer Kugel zu treffen. Da kam Tom aus der Tür des Haupthauses gestürmt. Mit seiner traditionellen Kleidung und der Kriegsbemalung sah er äußerst wüst aus. Auch er feuerte einige wohl gerichtete Schüsse in Richtung Tor und rief geradezu enthusiastisch: „Das ist ja wie Tontauben schießen!“ Einige Boyoyava-Krieger eilten ebenfalls hinüber.

Da ich mit meiner Damenpistole nicht viel ausrichten konnte und sich nun auch Sebastian den Schützen anschloss, kontrollierte ich mit Matthew die entgegengesetzte Seite der Hecke (nichts zu sehen). Auf einmal brüllte Charles von seinem Ausguck: „Die versammeln sich im Norden!“ Kurzentschlossen rannte ich ins Haus, Matthew auf den Fersen. Meine Idee war es, aus einem der hinteren Fenster Dynamit auf die Ghule zu werfen, um sie in die Flucht zu schlagen. Auf Rosies und Lesleys Vorrat ist immer Verlass, doch leider wies keines der Fenster im oberen Stockwerk Richtung Norden. Von draußen hörten wir unterdessen Schüsse, Gebrüll und das ängstliche Geschnatter der Boyoyava. Ich meinte, Charles‘ Stimme ausmachen zu können: „Hoffentlich demoralisiert es sie genug, wenn ihre Gefährten in Stücken auf sie herunterregnen!“ Am Tor schienen sie die Lage also im Griff zu haben, doch die Versammlung im Norden beunruhigte Matthew und mich zutiefst. Wie die anderen später berichteten, zogen die Ghule sich nach und nach vom Tor zurück, um in nördlicher Richtung in einer Senke zu verschwinden. Viel zu spät erfuhren unsere Freunde von Endicott, dass es alte Tunnel rund um das Gelände gab, die im General Store sowie – kaum zu glauben – in der Latrine endeten. Tom und Sebastian gelang es unter großer Anstrengung, die Luke im Store mit Fässern zu verschließen. Raphael hingegen, der sofort zu der Latrine gelaufen war, hatte weniger Glück: Als er mit seiner Taschenlampe in die Tiefe leuchtete, blickten ihm bereits gelbe katzenartige Augen entgegen. Es gelang ihm wohl, einem Ghul den Garaus zu machen, allerdings erwischte ihn im nächsten Augenblick eine krallenbesetzte Hand (eine äußerst schmerzhafte Angelegenheit) sowie eine Ladung stinkender Exkremente.

Noch ahnte ich jedoch nichts von dem Tumult beim Plumpsklo. Ich bin meinen Gefährten dankbar, dass sie die Details der folgenden Momente für sich behielten. Es sei so viel gesagt: Matthew und ich hatten das Haus kaum verlassen, da stürmte er auch schon zu Raphael. Noch im Lauf entzündete er das Dynamit und warf die brennende Stange direkt in die Latrine. Kurze Zeit war es unglaublich still, alle hielten inne. Dann gab es einen fürchterlichen Knall und alle im Umkreis weniger Meter der Latrine waren mit dem Inhalt ebenjener bedeckt, einschließlich der sterblichen Überreste der Ghule. Liebes Tagebuch, verzeih‘ mir meine Wortwahl – besonders Matthew fühlte sich unglaublich beschissen.

Ob es nun Glück oder Unglück war, unterdessen war ich Charles‘ Warnung gefolgt und zum Tor gelaufen. Die Ghule bearbeiteten es von außen mit einem rammbockartigen Baumstamm. Vor allen anderen kam ich dort an und fackelte nicht lange – ich entzündete das Dynamit und warf es im hohen Bogen über das Tor. Man hätte eine Stecknadel fallen hören, während alle, die ebenfalls Richtung Tor eilten, innehielten und der knisternden Stange mit den Augen folgten. Dann gab es erneut einen Knall und mehrere Dinge geschahen in rascher Abfolge: Das Tor zerbarst, tote Ghule folgen durch die Luft, doch mindestens genauso viele ihrer mordlüsternen Artgenossen kamen mit gebleckten Zähnen auf uns zu. Einen von ihnen erwischte Charles mit seinem Gewehr aus der Ferne, und auch Tom feuerte in den Pulk – vergeblich. Irgendetwas an seiner modernen Waffe versagte ihm den Dienst und so wurden die Biester lediglich kurz irritiert.

Die kommenden Momente verschwimmen bereits jetzt, wenige Stunden nach dem Vorfall, in meiner Erinnerung. Alles ging so schrecklich schnell. Auf einmal waren die Ghule überall und stürzten sich auf den ersten Menschen, den sie kriegen konnten. Das war dann wohl ich. Ich spürte, wie ihre scharfen Krallen meine Haut zerkratzten und sie versuchten, mich zu Boden zu zerren. Panisch schoss ich auf die Viecher, verfehlte sie aber um Längen. Wie aus weiter Ferne hörte ich meine Gefährten schreien und sah aus den Augenwinkeln, wie sie sowie einige Boyoyava-Krieger mir zu Hilfe eilten. Einige furchtbare Momente, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, kämpften die Ghule mit der Macht der Verzweiflung verbissen gegen die Männer, dann ergriffen sie endlich gesammelt die Flucht. Unter den Schüssen meiner Retter fielen sie „wie die Fliegen“, wie Charles triumphierend von seinem Ausguck rief. Als die letzten in Sichtweite zu Boden gingen, setzte das Jubelgeschrei der Boyoyava ein. Sie drängten sich um uns, hoben uns auf ihre Schultern und trugen uns zum Lagerfeuer.

Mit einem Mal wirkte das Camp sauberer (trotz des widerlichen Gestanks, der uns in die Nasen stieg). Die dunkle Präsenz, die auf uns allen gelastet hatte, war wie weggeblasen. Nichts hätte unsere Hochstimmung mehr heben können, bis auf die ersten Sonnenstrahlen, die nun die Dunkelheit verjagten. „Wie kann ich das wieder gut machen?“ Selbst Endicott wirkte vollkommen gelöst, schüttelte uns herzlich die Hände und gab großzügig Getränke an alle aus. Obendrein versprach er uns eine optimale Ausrüstung sowie ein Auto für unsere weiteren Vorhaben. Auch der Stammeshäuptling sprach uns auf seine Weise seinen Dank aus. Gemessenen Schrittes trat er von einem zum anderen und hängte uns hölzerne Talismane mit einer Schnur um die Hälse. Joe erklärte uns in durchaus verständlichem Englisch, dass diese Geste eine große Ehre sei. Endicott schien es gar nicht zu gefallen, dass sein stumm geglaubter Gehilfe nun seine Stimme zum Einsatz brachte, behielt seine Wut jedoch überraschenderweise für sich. Respektvoll verneigten wir uns vor dem Häuptling, der sich daraufhin zu seinem Stamm zurückzog.

Unsere ausgelassene Stimmung wird nun lediglich von folgender Frage getrübt: Wie, verdammt noch mal, sollen wir nach den unerfreulichen Ereignissen der vergangenen Tage einen wohlwollenden Zeitungsbericht über das Safari-Camp verfassen?

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