Juni 1925
Sonntag
14

Unglaublich ereignislose Nächte - Tagebuch von Máire Flanagan

Endlich schlafen! Nach drei durchwachten Nächten erschienen uns die Betten in Colonel Endicotts Safaricamp wie das Paradies auf Erden. Selbst die gerade aufgehende Sonne hinderte uns nicht daran, bis neun Uhr morgens friedlich zu schlummern. Dann stieg uns der Duft nach Kaffee in die Nase. Bevor ich mich in dunkle Gedanken an gelb blitzende Augen, scharfe Krallen und leblose Körper verlieren konnte, gesellte ich mich zu den anderen in die Küche. Wir nahmen eine ungewohnt ruhige Mahlzeit ein und freuten uns über etwas Normalität. Damit war es natürlich schnell wieder vorbei, als wir diskutierten, ob wir in der vergangenen Nacht wirklich allen Ghulen den Garaus gemacht hatten. Wir waren drauf und dran, vor dem Tor des Camps nach ihren Spuren zu suchen, um sie in ihrem Versteck aufzuspüren und mit einer ordentlichen Ladung Dynamit in die Luft zu jagen. Das wäre ihnen recht geschehen, diesen garstigen Biestern! Doch ein Großteil unserer Gruppe war sich einig, dass wir alle Ghule erwischt hatten. Dazu kam, dass wir tatsächlich unsere geliebten Sprengstoffvorräte aufgebraucht hatten. Somit beschlossen wir, unsere Angelegenheiten im Camp abzuschließen und alsbald nach Nairobi zurückzukehren.

Zunächst stillten Matthew und ich unsere Neugier über den stumm geglaubten Joe. Wir fanden ihn draußen bei den Überresten der Latrine. Lediglich die ausgebrannte Feuerstelle auf dem Hof erinnerte noch die Boyoyava; sie waren in den Morgenstunden spurlos verschwunden. „Das ist ja eine Scheiß-Arbeit“, eröffnete Matthew das Gespräch. Joe grinste nur schief und bearbeitete weiter den zersprengten, durchaus unansehnlichen Boden mit seinem Spaten. Auf unsere Fragen antwortete er trotzdem bereitwillig. Es stellte sich heraus, dass er es als einfacher empfunden hatte, gar nicht mit Endicott zu sprechen, anstatt sich mit seiner unangenehmen Art auseinanderzusetzen. Ursprünglich stammte Joe von den Nandi und hatte schon öfter als Mittler zwischen dem aufbrausenden Colonel und den Boyoyava gedient. Von den Ghulen hatte er vor der letzten Nacht nur in alter Stammesfolklore gehört.

Auch mit dem Colonel suchten wir das Gespräch. Er sicherte uns erneut ein Auto sowie eine umfangreiche Ausrüstung als Dank für unsere Hilfe zu. Für unseren Deal bezüglich des Zeitungsberichts fanden wir eine einfache Lösung: Wir würden bei der Geschichte von aggressiven Wildtieren bleiben und berichten, dass ein besonders gefräßiger Löwen nun endlich erlegt worden sei. Als Beweis schossen wir später ein „schönes Killerfoto“, wie Endicott sich ausdrückte. Zu diesem Zweck erlegte er binnen weniger Stunden ein wahres Prachtexemplar – Tom betete hörbar für die Seele des Tieres. Außerdem versprach Endicott, künftig mehr auf die Sicherheit seiner Gäste zu achten sowie einen neuen Hochstand mit gebührendem Abstand zum Friedhof zu errichten. (Mich würden trotzdem keine zehn Pferde für nur eine weitere Nacht dort hoch bringen.)

Während wir auf Endicotts Rückkehr von der Jagd warteten, packten wir unsere Habseligkeiten zusammen und David befragte Joe zum Berg des Schwarzen Windes. Dieser sollte unser nächstes Ziel sein, da wir uns weitere Erkenntnisse zu einer rätselhaften Prophezeiung erhofften. Diese besagte, dass Nyarlathoteps Kind geboren werde und dass dieses Ereignis im Zusammenhang mit einer Sonnenfinsternis stehe, der ein großer Krieg vorausgehe. Meine Gefährten sind überzeugt, dass diese Sonnenfinsternis am 14. Januar 1926 zu erwarten ist – ein gutes halbes Jahr bliebe uns also. Für was genau, das weiß ich selbst nicht so recht und es scheint, als wüssten auch die anderen nicht, welches Schicksal uns blüht, sollten wir auf unserer Mission versagen. Somit überraschte es uns nicht, dass Joe den Berg des Schwarzen Windes mit verhaltener Stimme als verrufenen Ort bezeichnete, an dem Dämonen, Geister und ein böser Gott hausten. Kaum jemand aus seinem Stamm traue sich dort hin, mit Ausnahme derer mit zweifelhaftem Geisteszustand. Auf unserer Landkarte zeigte er David die ungefähre Lage des Berges, einem Ausläufer des Mount Kenia. Von Nairobi war er etwa 200 Kilometer entfernt und mit dem Auto in schätzungsweise zwei Tagesfahrten zu erreichen.

„Zivilisation!“ Der Colonel fuhr uns mit seinem Wagen wieder zurück nach Nairobi. Dort wollte er die versprochene Ausrüstung besorgen. So lange quartierten wir uns gemeinsam in unserem angestammten Hotel ein, bis auf Matthew, der aufgrund seines Berufs in der Botschaft unterkam. Nach einer ereignislosen Nacht ging am Donnerstag ein jeder seinen Bedürfnissen nach. Sebastian beispielsweise suchte, begleitet von Tom, ein Krankenhaus in Blacktown auf, um seine medizinische Grundausstattung aufzurüsten. Ich entwickelte unterdessen die Fotos, die ich in den letzten Tagen geschossen hatte. Fasziniert und zugleich mit leisem Schaudern betrachtete ich eine Weile die Bilder von den Boyoyava, dem Friedhof und dem abstoßenden Ghul-Kadaver. Dann schloss ich mich Matthew, Tom und Sebastian an, die gerade eine möglichst glaubwürdige Geschichte für den Nairobi Star strickten. Selbst der Colonel bezeichnete ihren Entwurf als „sehr reißerisch“, war jedoch einverstanden und händigte uns das gestellte Foto aus. Er versicherte uns, dass in ein bis zwei Tagen alles für unsere weitere Reise bereit sein würde.

„Ereignislose Nächste, dass wir das noch erleben dürfen!“ Sebastian hatte vollkommen Recht. So ausgeschlafen wie am Freitag hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Motiviert durchforstete ich nach dem Frühstück die Bücher, die ich im Hotel über den Mount Kenia finden konnte. Leider handelte es sich hauptsächlich um Reiseführer und ich lernte lediglich etwas über die örtliche Flora und Fauna sowie geografische Zusammenhänge. Sebastian und Tom brachten später deutlich spannendere Erkenntnisse von ihrem neuerlichen Ausflug nach Blacktown mit. Sie hatten das vereinbarte Päckchen mit Verbandszeug etc. von dem Arzt abgeholt und es hatte sich herausgestellt, dass dieser im Jahr 1919 Hypatia Masters behandelt hatte. Sie war Mitglied der Carlyle Expedition gewesen und damals schwanger. Der Arzt hatte sie vor ihrem Aufbruch mit Medikamenten versorgt. Nach dem schrecklichen Ausgang der Expedition hatte ebendieser einige der kaum zu identifizierenden, durchweg dunkelhäutigen Leichen obduziert und deren mangelnde Verwesung festgestellt. Auch war ungewöhnlich gewesen, dass die Kadaver nicht von wilden Tieren gefressen worden waren. Trotz seiner medizinisch-rationalen Art hatte der Arzt aufgewühlt vom Werk des Teufels gesprochen.

Als Sebastian uns allen später von dieser Unterhaltung berichtete, weihten wir Matthew in die Hintergründe unseres Abenteuers ein, die auch ich größtenteils aus zweiter Hand kenne. Er wirkte gefasst und vor allem froh, nun zumindest einen kleinen Teil der vergangenen Ereignisse zuordnen zu können. Da klopfte es auf einmal an der Tür. Uns wurde eine Notiz überbracht, unterzeichnet mit JK. Das konnte nur Johnston Kenyatta sein, den wir vor unserer Abreise zum Safaricamp besucht hatten. Er hatte uns seine Hilfe angeboten und anscheinend hatte uns diese gerade erreicht. Am folgenden Tag sollten wir in sein Büro kommen, ein Freund würde uns in Empfang nehmen.

Am Samstagmorgen statteten wir zuerst Nathalie Smythe-Forbes vom Nairobi Star einen Besuch ab, um sie von unserer Geschichte für ihren Bericht zu überzeugen. Sie begrüßte uns mit den zynischen Worten: „Sie sind wieder da – und das am Stück!“ Wie erwartet, fragte sie uns neugierig aus, schien aber letztendlich überzeugt und zufrieden. Danach gingen wir direkt weiter nach Blacktown. Vor der Kikuyu Central Association erwartete uns bereits ein barfüßiger Mann, der uns stumm bedeutete, ihm zu folgen. Er führte uns durch dunkle Gassen der Stadt, offensichtlich nach Verfolgern Ausschau haltend. Schließlich kamen wir an einem Lastwagen an. Nach anfänglichen Zweifeln stiegen wir ein und fuhren eine gefühlte Ewigkeit, bis wir in einem landestypischen Dorf ankamen. Unser Fahrer stieg aus und bedeutete uns, sitzen zu bleiben. Es beruhigte mich, dass sofort Kinder auf ihn zugestürmt kamen, um ihn zu begrüßen. Nach kurzer Zeit kam ein schnöselig wirkender Dunkelhäutiger auf uns zu. Er trug eine Nickelbrille, kurz geschorenes Haar und die Nase ziemlich hoch. Sein Alter schätzte ich auf etwa Anfang zwanzig, etwas jünger als ich also. „Wer sind Sie?“ Wir nannten ihm unsere Namen, doch irgendetwas an unserer Antwort schien ihm nicht zu gefallen. Er gab dem Fahrer, der in der Nähe gewartet hatte, ein Zeichen – und schon befanden wir uns wieder auf dem Weg zurück nach Nairobi. Reichlich frustriert ob der Zeitverschwendung sowie der unhöflichen Behandlung suchten wir Johnston Kenyatta auf. Sebastian, der einen guten Draht zu dem Politiker hatte, fragte ihn nach einem Rat. Kenyatta erklärte uns, dass es sich bei dem Schnösel um Okomo gehandelt habe, einen Schüler des Stammesmagiers, den wir hatten treffen sollen. Wir müssten den Schüler überzeugen, um zum Meister vorgelassen zu werden, so Kenyatta. Wir sollten beweisen, dass wir bereit seien, mit der spirituellen Welt zu agieren. Dementsprechend legten wir uns Antworten auf Okomos kryptische Frage zurecht und erwarteten mit Spannung den nächsten Tag, an dem wir es noch einmal versuchen sollten.

Erneut stand der schweigsame Fahrer am Sonntag bereit (wieder war die Nacht ereignislos verstrichen). Unsere Waffen hatten wir vorsorglich versteckt und die Talismane von den Boyoyava trugen wir sichtbar um die Hälse. Als Okomo in dem Dorf auf uns zustapfte, wirkte er sichtlich verärgert. Tom stellte uns vor als „die, die dem Kult der blutigen Zunge den Kopf abschlagen wollen“. Die beiden lieferten sich einen teilweise recht hitzigen Wortwechsel, der hochnäsige Schüler schien zunächst kaum zu überzeugen. Ich sah uns schon wieder unverrichteter Dinge davonfahren, doch letztendlich durften wir aussteigen. Sebastian berichtete von der dunklen Prophezeiung und bezeichnete unsere Gruppe als deren Zeugen. Als er Okomo die Übersetzung zeigte, die die anderen angefertigt hatten, führte der Dunkelhäutige uns endlich in eine der umstehenden Hütten. Darin roch es intensiv nach verbrannten Kräutern, überall hingen traditionelle Masken und Talismane. Okomo ermahnte uns, still zu sein, dann führte er uns einen langen Gang entlang, der nach links abknickte. Ich fragte mich schon, wie es möglich war, dass wir in einer nur wenige Meter langen Hütte so lange gehen konnten, ohne im Kreis zu laufen, da erreichten wir einen weiteren Raum. In dessen Mitte knisterte ein duftendes Feuer in einer Kupferschale, auch hier waren die Wände mit Talismanen bedeckt. Viel interessanter war jedoch der alte Mann, der auf einer Bastmatte im Schneidersitz saß. Er war wirklich unglaublich alt, unwillkürlich musste ich an eine verstaubte Mumie denken. Bewegungslos verharrte er, während sein Schüler ihm die Arme massierte. Dann gebot Okomo uns, dass wir uns ebenfalls auf den Boden setzen sollten, brachte uns Wasser und Früchte. Wir warten.

Ob die Mumie uns wohl etwas zu sagen hat?

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