Juni 1925
Dienstag
16

Zum Frohlocken des Archäologen - Tagebuch von Máire Flanagan

Falls eines Tages ein Unbeteiligter diese Memoiren in die Finger bekommen sollte, wird er wohl spätestens in diesem Kapitel zu lesen aufhören. Er wird meine Erlebnisse als Unfug abtun und meine Gefährten und mich als Geistesgestörte bezeichnen. Ehrlich gesagt frage ich mich immer häufiger, ob daran nicht zumindest ein Fünkchen Wahrheit wäre. Dennoch zweifle ich keine Sekunde daran, dass der afrikanische Stammeszauberer Bhundari uns tatsächlich auf eine Zeitreise geschickt hat.

Zuvor ließ die alte Mumie uns allerdings eine gefühlte Ewigkeit warten. Als er endlich die flatternden Lider öffnete, forderte er in drängendem Tonfall Antworten auf seine Fragen nach unseren Absichten. Sebastian versuchte es erst mit vagen Andeutungen, doch Bhundari bewies unerwartet Humor: „Für die geheimnisvollen Ausflüchte bin ich hier zuständig, Mr. Ó Ceallaigh“, meinte er schmunzelnd. So erklärte unser wortgewandter Arzt ihm rundheraus, dass wir die Geburt von Nyarlathoteps Kind verhindern wollten und jede Hilfe annähmen, die wir kriegen könnten. Bhundari behauptete, die Folgen unseres Tuns bereits gespürt zu haben, jedoch wüssten wir beinahe gar nichts über die ganze Angelegenheit. Er bot uns an, eine Geistreise mit uns durchzuführen und verschwieg dabei nicht, dass bei der letzten derartigen Aktion alle Beteiligten gestorben seien. Da wir das Ende der Welt als noch weniger verlockend empfanden, bekundeten wir gleichwohl unsere Bereitschaft, die Gefahr auf uns zu nehmen. Bhundaris zuvor noch so hochmütiger Schüler Okomo wirkte auf einmal tief getroffen. Nachdem wir uns an Wasser und getrockneten Früchten gestärkt hatten, stellte er Bündel aus Räucherstäbchen um uns herum auf, die einen opiumartigen Duft verströmten. Der Zauberer mahnte uns noch zur Vorsicht an dem Ort, den wir besuchen würden, bevor er uns allen nacheinander den Rauch einer großen Zigarre in die Münder blies. Benebelt nahm ich noch wahr, wie Raphael leicht panisch fragte: „Was ist das?“, da schwanden mir schon die Sinne.

Mir war, als liefe ein unglaublich schneller Film im Zeitraffer an meinem geistigen Auge vorbei. Die ersten Eindrücke, die ich zuordnen konnte, waren eine Lichtung in einem Wald und ein Teich im Dämmerlicht – aber gewiss nicht mehr die Hütte, in der wir uns noch kurz zuvor befunden hatten. Erleichtert stelle ich fest, dass alle meine Gefährten an meiner Seite waren und sich ebenso verdattert umschauten wie ich. Irgendjemand konnte sogar identifizieren, dass wir uns in der Nähe des Mount Kenia befanden. Wir erblickten den Berg in der Ferne und konnten kaum fassen, dass er Feuer spuckte. Der Vulkan war doch schon vor langer Zeit erloschen! Auf einmal brach eine Männergruppe aus dem Wald, die Schwerter in ihren Händen wie zum Kampf erhoben. Bei unserem Anblick schreckten sie zurück, traten schützend vor einen jungen Mann mit einer großen Halskette (offenkundig ihr Anführer) und redeten in einer für mich vollkommen unverständlichen Sprache aufgeregt auf uns ein. Charles gelang es zu unser aller Glück, diese als Altägyptisch zu identifizieren und dolmetschte für uns: „ Wer seid ihr? Seid ihr lebensmüde? Und wie lauft ihr überhaupt rum?“ Beinahe wäre ich in hysterisches Lachen ausgebrochen, doch ein merkwürdiges Geräusch, das weder menschlichen noch tierischen Ursprungs schien, durchbrach auf einmal das Stimmengewirr. Sofort gingen die fremden Männer in Abwehrstellung und ich versuchte, mich hinter sie zu begeben, da sie doch recht kampferprobt wirkten, aber es war zu spät. Etwas furchtbar Großes, Haariges mit viel zu vielen Beinen kam zielstrebig auf mich zugelaufen. Die Luft um mich her schien zu flimmern, während ich benommen nach meiner Pistole griff und einen Schuss abfeuerte, der ins Leere ging. Auch meine Gefährten versuchten, das Ding zu erschießen, aber vergebens. Im letzten Moment konnte ich mich zur Seite werfen, bevor die haarigen Beine mich unter sich begraben konnten. Da schlug der Anführer mit seinem Schwert zu, hackte eines der Gliedmaßen glatt ab und brüllte etwas. „Wir müssen hier weg!“, dolmetschte Charles, und wir nahmen unsere Beine in die Hand. Auf dem feuchten Boden strauchelten wir immer wieder, doch das haarige Ding konnten wir hinter uns lassen. Nach einiger Zeit kamen wir in einem Zeltlager an.

Natürlich wollten unsere Retter wissen, wer wir waren. Aus Anstand beschlossen wir, ihnen die Wahrheit zu sagen, die wir selbst kaum fassen konnten: Wir kommen aus der Zukunft. Da wurden die Männer zornig, wir wüssten wohl nicht, mit wem wir da gerade sprächen? Es kostete Charles einige Anstrengung, sie zu besänftigen und ihnen Auskunft darüber zu entlocken, wann wir überhaupt waren. Ungläubig erfuhren wir, dass wir es mit der Rebellenarmee des Prinzen Snofru zu tun hatten – ein Pharao der vierten Dynastie, der vor rund 4.000 Jahren gelebt habe, wie Charles uns später erklärte. Aufgebracht berichtete der Prinz uns von seinem Kampf gegen den Thronverräter Nephren-Ka, einen Schwarzmagier, der sich das Reich von Snofrus Vater unter den Nagel gerissen habe. Außerdem meinte er nachdenklich, wir erinnerten ihn an eine andere Gruppe, die vor etwa zehn Jahren in Memphis angekommen sei. Vor lauter Aufregung fragten wir vorerst nicht genauer nach.

Zumindest für den Moment schienen wir geduldet, und als der Prinz sich zurückzog, beratschlagten wir uns. Sebastian berichtete, dass Snofru seinen Widersacher laut einer Legende mit Hilfe der Göttin Isis besiegen würde. Um Nephren-Kas Auferstehung zu verhindern, würde der Prinz die Knick-Pyramide errichten lassen. Doch unsere Kenntnis über Snofrus Schicksal stellte uns vor eine schwierige Frage: Sollten wir uns in den Lauf der Dinge einmischen? Konnten wir die Vergangenheit verändern oder war diese bereits geschrieben? Nach einigem Hin und Her beschlossen wir, uns den Regeln dieser Zeit so gut wie möglich anzupassen, also keine Schusswaffen mehr zu verwenden oder über unsere Herkunft zu sprechen. Wir alle hatten gespürt, dass Handlungen wie diese ein höchst beunruhigendes Gefühl in uns auslösten – als seien wir selbst eine verblassende Zeichnung auf einem Blatt Papier. Dennoch waren wir wild entschlossen, herauszufinden, wie Snofru den Schwarzen Pharao besiegen würde, um unsere Erkenntnisse für die Mission in unserer Zeit zu nutzen. Die optimistische Einstellung unserer kleinen Gruppe gefällt mir wirklich außerordentlich.

Inzwischen war es dunkel geworden. Die Krieger (die übrigens skandalös viel Haut zeigten) wirkten sehr wachsam. Diese Tatsache und das kleine Feuer, das sie entzündet hatten, trugen dazu bei, dass ich mich langsam ein bisschen entspannte. Charles und Matthew waren in Snofrus Zelt vorgelassen worden, um mehr über seine Pläne herauszufinden. Als sie wieder herauskamen, platzte es aus dem Archäologen heraus: „Ich habe so viel darüber gelesen und jetzt darf ich Teil davon sein! Wahnsinn!“ Seine offene, beinahe kindliche Euphorie steckte mich an, sodass auch ich begeistert war, dass wir dem Prinzen in seinem Kampf gegen Nephren-Ka beistehen sollten. Der Schwarzmagier kontrolliere bereits den gesamten Norden Ägyptens und habe die Königsdynastie genauso wie das gemeine Volk gewaltsam unterdrückt. Viele seien willig, Widerstand zu leisten, doch fehle ihnen Mut und Führung. Ich weiß nicht, wie Matthew und Charles es angestellt haben, aber wir sollten die Krieger nach Kiszukhen begleiten, der Bastion des Widerstandes.

Langsam kam geschäftiges Treiben in das Lager, die Zelte wurden abgebaut und die Spuren verwischt. Charles und ich halfen dabei, so gut wir konnten, und wurden überraschend kameradschaftlich behandelt. Als der Brite vor dem Aufbruch nach zeitgemäßen Waffen für unsere Gruppe bat, erntete ich jedoch einen schiefen Blick vom Prinzen. Mir sank schon das Herz – würde ich, als einzige Frau im Bunde, gezwungen sein, mich vollkommen schutzlos in die Dunkelheit zu begeben? Glücklicherweise stellte sich dies als kulturelles Missverständnis heraus. Es schien einfach nicht üblich, Frauen in den Kampf zu schicken, da sie laut Snofru die besseren Strategen seien. Trotzdem erhielt auch ich einen langen, beruhigend spitzen Speer. Dann marschierten wir los.

Im Licht der ersten Sonnenstrahlen erreichten wir Kiszukhen. Wir überquerten einen noch verschlafenen Marktplatz und steuerten auf ein großes Gebäude auf einem Hügel zu, der sich über der Stadt erhob. Als mich die Blicke der Bewohner trafen, spürte ich wieder das merkwürdige Flimmern – es schien, als wollte die Zeit uns daran erinnern, dass wir nicht hierher gehörten. Doch es fühlte sich alles so real an! Von der Wärme der Sonne auf meinem Scheitel bis hin zu meinen schmerzenden Füßen. Schließlich wurde uns ein einfacher Raum mit Wänden aus Lehmziegeln zugewiesen. Charles stürzte sich sofort mit Feuereifer auf eine Inschrift an der Wand und es dauerte nicht lange, bis er laut auflachte – hier habe jemand äußerst subtil Spott an Nephren-Ka geübt. (Es schien mir die Art Witz, die nur ein Archäologe versteht.)

Wir beschlossen, dass wir unauffälligere, zeitgemäße Kleidung brauchten, um uns freier in der Stadt bewegen zu können. Schließlich fielen wir allein aufgrund unserer hellen Hautfarbe schon genug auf. Als Charles den Soldaten, der vor unserer Tür saß (bzw. dem Loch in der Wand), nach dem Prinzen fragte, zischte dieser aufgebracht: „Seid vorsichtig mit dem, was ihr sagt!“ Offenbar war Snofru inkognito unterwegs. Trotz des Fauxpas erhielten wir wenig später landestypische Kleidung – es gab Lendenschurze für die Herren und ein langes Kleid für mich. (Alles andere würde sie zu sehr ablenken, scherzten meine Gefährten. Ob ich von den Lendenschurzen abgelenkt sei, fragte zum Glück niemand.) Außerdem brachte man uns Verpflegung sowie eine Vase. „Was wollen Sie denn damit?“, fragte Sebastian verdattert, woraufhin Charles beinahe einen Freudentanz aufführte: „Na was wohl?! Ich will meine eigene Vase hier vergraben und in unserer Zeit wieder ausbuddeln!“ Dieser Archäologe muss seinen Beruf wirklich lieben, das steht fest. Und eine ordentliche Summe sollte wohl auch dabei herausspringen. Charles ritzte das Emblem des Spirit Club, das geschätzte Datum sowie seine Initialen in den Boden des guten Stücks.

Dann baten wir den Soldaten, der sich als Batu vorstellte, uns aus den Mauern der Festung herauszuführen. Wir wollten die Gänge erkunden, die unter den Berg führten und dort die Vase vergraben. Das ging jedoch nicht, bevor Batu und sein Kamerad ihren Lachanfall ob der überaus behaarten europäischen Beine überwunden hatten. Die Soldaten, die vor dem teilweise bewohnten Tunnelsystem herumlungerten, wollten uns erst nicht passieren lassen. Doch mein Kleid, das von gehobenem Stand kündete, machte anscheinend Eindruck auf sie. Die Soldaten meinten außerdem, dass es nicht schaden könne, sich hier unten umzusehen. Man wisse schließlich nie, wann die Schlangenschergen und das, was sie mitschleppten, kämen. Redeten sie etwa von weiteren furchterregenden Kreaturen? Schnell verdrängte ich den Gedanken und folgte meinen Gefährten in die dunklen Gänge. Beeindruckend waren die hohen Decken und Säulen durchaus – aber leider bot sich kein geeignetes Versteck für Charles‘ Vase. So kehrten wir in unser Lager zurück und legten uns auf Matten aus Papyrus zur wohlverdienten Nachtruhe.

Am Dienstagmorgen riss uns Bata unsanft aus dem Schlaf: „Der Statthalter kommt! Und Prinz Snofru will ihn nicht mehr gehen lassen.“ Schon trat ein älterer Soldat in unser Lager, den wir bereits als Kommandant Ra-neb-nem von der vergangenen Nacht kannten. „Der Prinz will euch sehen.“ Noch schlaftrunken folgten wir ihm in eines der wenigen zweistöckigen Häuser der Stadt. Snofru berichtete mit einem wuterfüllten Blick auf sein Schwert, dass der Statthalter die Steuern eintreiben wolle. Er, der rechtmäßige Prinz, plane einen Hinterhalt. Ob er auf uns zählen könne? Natürlich sicherten wir ihm unsere Unterstützung zu, was blieb uns auch anderes übrig. Also zeigte Snofru uns auf einer Karte, wo wir uns platzieren sollten. Es würde unsere Aufgabe sein, den Statthalter und seine Ehrengarde auf dem Rückweg aus der Stadt hinzuhalten, bis die Männer des Prinzen zu uns stoßen würden. Matthew nutzte die Gunst der Stunde und ließ sich einen höchst ansehnlichen Dolch zur Nahverteidigung aushändigen. Charles hingegen bekam von Snofru das Versprechen, dass dieser sich mit seiner gravierten Vase eines Tages begraben lassen würde Die Augen des Archäologen leuchteten.

Nachdem wir mit Waffen ausgestattet worden waren und unsere Habseligkeiten eingepackt hatten, brachen wir auf. Auf der Straße gen Norden fanden wir problemlos den Hohlweg, den der Prinz uns beschrieben hatte. Die enge Schlucht war etwa 1,50 Meter breit und 12 Meter hoch. Oberhalb waren einige größere Felsbrocken platziert worden, die sich mit einer Holzkonstruktion in Bewegung bringen ließen und den Hohlweg unpassierbar machen würden. Außerdem war eine Kuhle ausgehoben worden, in der etwa acht Personen liegend Platz finden konnten, um vor Blicken von unten geschützt zu sein. Darin fanden wir Wurfspeere und Bögen.

Auf seinem Weg nach Kiszukhen werden wir den Statthalter passieren lassen, doch bei seiner Rückkehr werden wir ihm einen schönen Empfang bereiten.

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